31.08.2020

Aus dem Fall Colosseum lernen

Die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen in Pankow wünscht sich einen Erhalt des Kinostandorts Colosseum und der damit verbundenen Arbeitsplätze. „Wir wünschen uns, dass der Kulturort Colosseum weiterhin ein Kinostandort bleibt“, betont die bündnisgrüne Fraktionsvorsitzende Cordelia Koch. Darum begrüßt sie, dass Bürgermeister Sören Benn (Linke), Wirtschaftsstadträtin Rona Tiedje (SPD) und Baustadtrat Vollrad Kuhn (Bündnis 90/Die Grünen) Anfang Juli einen Brief an die Eigentümer geschrieben haben, in dem sie zum Gespräch einladen.

Aber es muss noch mehr geschehen. „Der Bezirk Pankow befindet sich seit Jahren unter erheblichem Verwertungsdruck. Zur Sicherung kultureller oder sozialer Belange der in Pankow lebenden Menschen steht dem Bezirk nur ein Mittel zur Verfügung: der Beschluss eines Bebauungsplanes, mit dem der Bezirk verbindlich festschreibt, wie ein Gebiet genutzt werden darf. Die Nutzung „Kultur“ kann dort festgelegt werden,“ sagt Cordelia Koch.

Die momentane Kritik aus unterschiedlicher Richtung bezieht sich auf die mangelnde Kommunikation innerhalb des Bezirksamts nach dem Antrag auf Bauvorbescheid der Eigentümer des Colosseums. Alle Seiten sind sich einig, dass es wünschenswert gewesen wäre, wenn die zuständigen Mitarbeiter*innen den Stadtrat für Stadtentwicklung frühzeitig in besonderer Weise auf das Interesse an dem Gebäude Schönhauser Allee 123 hingewiesen hätten.

Formal ist jedoch nichts am Vorgehen des Bezirksamts zu beanstanden. Der Antrag auf Bauvorbescheid war korrekt in der monatlichen Liste vom 1. November 2019 enthalten, welche der Bürgermeister, alle zuständigen Mitarbeiter*innen des Bezirksamts und die Mitglieder des Ausschusses für Stadtentwicklung erhalten. „Es stimmt nicht, dass der Hinweis auf das Colosseum und den Neubau beziehungsweise die Überbauung mit einem Bürogebäude versteckt war. Er stand genau da, wo er stehen sollte. Es haben einfach alle nicht genau genug hingeschaut oder die Brisanz des Eintrags für den Kinostandort nicht erkannt.“

Doch was hätte eigentlich ein expliziter Hinweis am 1. November 2019 überhaupt bewirkt? Mit dem Antrag auf Bauvorbescheid war es für die Aufstellung eines Bebauungsplanes zu spät. „So bedauerlich die derzeitige Lage auch ist, selbst bei einem expliziten Hinweis auf den Antrag auf Bauvorbescheid am 1. November 2019 würden wir uns wohl in derselben Situation befinden,“ sagt Fraktionsvorsitzende Koch.

Darüber hinaus betont die Juristin Cordelia Koch: „Nach meiner Akteneinsicht kann ich sagen: Weder das Landesdenkmalamt, noch die Untere Denkmalbehörde oder das Stadtentwicklungsamt haben sachfremde Erwägungen angestellt, als sie den zweiten Entwurf der Architekten unter denkmalrechtlichen Gesichtspunkten positiv bewertet und einen Bauvorbescheid über Art und Maß der zulässigen Nutzung nach § 34 BauGB erteilt haben.“

Der historische Kinosaal und alle denkmalgeschützten Gebäudeteile auch aus der Vor-Kino-Zeit bleiben erhalten. Im Entwurf des Architektenbüros Tchoban Voss ist „Kino“ weiter als Nutzungsart in diesem Kinosaal anvisiert. Sowohl die Untere Denkmalschutzbehörde als auch das Landesamt für Denkmalschutz, das Senator Klaus Lederer unterstellt ist, haben Korrekturen am ersten Entwurf für Neubau und Umbau angemahnt, die das Architektenbüro umgesetzt hat.

Letztlich hätte für den Erhalt des Kinostandorts schon vor Jahren ein Dialog mit den Eigentümern des Colosseums geführt werden müssen. Schon Ende der 1990er Jahre sind die Weichen falsch gestellt worden. Cordelia Koch erinnert daran: „Bündnis Prenzlauer Berg, der Vorläufer der jetzigen Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung, hat sich Ende der 1990er Jahren vehement gegen ein Kino in der Kulturbrauerei ausgesprochen. Die Fraktion Bündnis Prenzlauer Berg inklusive Almuth Tharan, die auch der jetzigen Fraktion Bündnis 90/Die Grünen angehört, hat schon damals vorgerechnet, dass sich zwei Multiplex-Kinos an der Schönhauser Allee gegenseitig das Wasser abgraben würden. Das zweite Großkino wurde dann gegen unseren Widerstand durchgesetzt.“

Lokale als auch überregionale Medien berichteten zuletzt 2018 über enorme Steuerschulden. „Wir erwarten, dass solche Signale in Zukunft zu einem pro-aktiven Verwaltungshandeln führen,“ sagt Cordelia Koch. „Atze Brauner und seine Familie haben viel für die Kultur dieser Stadt getan. Es ist bedauerlich, dass ein Dialog über den Kinostandort und den Arbeitgeber Colosseum nicht schon vor Jahren stattgefunden hat.“ Damit sich eine solche Situation nicht wiederholt, müssen Bezirksverordnetenversammlung und Bezirksamt aus dem Fall „Colosseum“ für die Zukunft lernen.

Cordelia Koch sagt: „Weil die wesentlichen Verfahrensschritte ordnungsgemäß waren und doch im Ergebnis alles falsch gelaufen ist, müssen wir aus dem Fall Colosseum lernen, wie wir wichtige Orte in Pankow schützen können.“ Bisher sind die Mitarbeiter*innen des Bezirksamts angewiesen, die jeweiligen Stadträte bei bedeutsamen Vorgängen zu informieren. „Was bedeutsam ist, sollte von der Politik und nicht von der Verwaltung definiert werden,“ betont Cordelia Koch. „Wir sollten durch einen politischen Diskussionsprozess definieren, welche Standorte den Bezirk Pankow wesentlich ausmachen, ob nun als kultureller, denkmalrechtlicher, historischer, sozialer, oder wirtschaftspolitischer Standort. Eine solche Liste würde deutlich machen, was wir rechtzeitig schützen und welche Prioritäten wir setzen wollen.“

Dazu auch unser gemeinsamer Antrag mit der Linksfraktion für die BVV am 2. September

Foto: Stefan Kellner, CC BY-NC 2.0

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