Ehemaliges Kino

Colosseum bleibt Kulturort

Fast 100 Jahre Kino-Tradition: das Colosseum an der Schönhauser (Foto: Rudolf Hesse, Bundesarchiv)
Fast 100 Jahre Kino-Tradition: das Colosseum an der Schönhauser (Foto: Rudolf Hesse, Bundesarchiv)

Endlich wieder Kino! Am 5. Oktober öffnete das Colosseum an der Schönhauser Allee mit der Premiere von „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ – einem Film über die alternative Modeszene in der DDR – wieder für Cineasten. Eine passende Premiere „in einem Kino, was es nicht mehr gibt“, scherzte der KulturBlog Berlin. Doch das Kino gibt es und es zeigt nun auch wieder Filme: Mitte Oktober fand dort das Human Rights Film Festival statt. Gleich darauf folgte das Ukrainian Film Festival Berlin.

Es ist ein Neustart nach zwei Jahren Leerstand. Nach dem ersten Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 hatte das Kino nicht wieder aufgemacht, die Eigentümer hatten Insolvenz angemeldet. Es hieß, sie wollten verkaufen und ein Bürokomplex solle dort entstehen.

Kannibalisierung der Multiplexe

Schon vor der Pandemie war der Betrieb nicht mehr gut gelaufen. Der Filmproduzent Artur Brauner hatte das Kiezkino in den 90er Jahren zusammen mit den angrenzenden Flächen in der Gleimstraße gekauft und daraus einen Kinokomplex mit zehn Sälen gemacht. Wenig später eröffnete nur zehn Gehminuten entfernt in der Kulturbrauerei ein weiteres Multiplex-Kino. Schon damals warnte das Bündnis Prenzlauer Berg, der Vorgänger der Bündnisgrünen, dass zwei so große Kinos in unmittelbarer Nähe sich gegenseitig kannibalisieren würden. Dementsprechend halbierten sich die Zuschauerzahlen in den kommenden Jahren, hinzu kam die wachsende Konkurrenz durch das On-Demand-Angebot der Mediatheken und Streaming-Dienste.

Als Brauner im Sommer 2019 starb, sahen sich die Erben bereits nach Kaufinteressent*innen um. Es war klar, dass niemand dort weiter ein Multiplex-Kino betreiben konnte. Daran würden auch Demos entlassener Mitarbeiter*innen nichts ändern. Die Fraktionen die Linke, Bündnis 90/Die Grünen und SPD in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) forderten, dass das Land Berlin das Colosseum kaufen solle, um den Kulturstandort zu erhalten. Doch der Senat zeigte kein Interesse an dem Gebäude in teuerster Lage.

Daher kontaktierte die bündnisgrüne BVV-Fraktion den einzigen Kaufinteressenten, die Firma Values Real Estate, um klar zu machen, wie wichtig das Colosseum als Ort für Kultur und Kino für den Bezirk ist. Die damalige Fraktionsvorsitzende Cordelia Koch konnte den Geschäftsführer überzeugen, das Nutzungskonzept zukunftsfähig zu adaptieren, um den Kulturstandort zu erhalten.

Hoffnung auf spannenden Kulturstandort

Inzwischen hat die Firma das Colosseum übernommen und die Pläne machen Hoffnung auf einen spannenden Kulturstandort. Der große, denkmalgeschützte Kinosaal, in dem seit 1924 Filme gezeigt worden waren, wird nun für Premieren und Filmfestivals genutzt und erfährt so eine Aufwertung. Neben zahlreichen kleinen Festivals hat auch die Berlinale Interesse angemeldet. Bis zum geplanten Umbau des stark sanierungsbedürftigen Gebäudekomplexes ab Mitte 2023 werden die Räume auch für Kulturveranstaltungen wie den artspring und Aufführungen der Tanzgruppe „Flying Steps“ genutzt.

In dem ehemaligen Straßenbahndepot mit Pferdeställen, dem hinteren Teil des Gebäudes, soll ein Atrium mit Glasdach entstehen, in dem auch öffentliche Ausstellungen und Veranstaltungen geplant sind. In den oberen Stockwerken soll hauptsächlich die Kreativ- und Digitalwirtschaft in die neuen Büros einziehen, die nachhaltig umgebaut und möglichst klimaneutral betrieben werden sollen. Wenn die Statik es zulässt, könnte ein Gründach mit Urban Gardening unter anderem für weitere Kultur- und Jugendprojekte genutzt werden.

Silke Gänger ist Sprecherin für Kultur in der Pankower BVV-Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen.
Hannah Wettig ist Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Pankow.

Dieser Text ist ursprünglich in der Pankower Post, der Zeitung der bündnisgrünen BVV-Fraktion Pankow, erschienen. PDFs aller vier Regionalausgaben finden Sie hier.